von Heinz Albers
Am Samstagmorgen mache ich mich auf die Reise nach Nürnberg zum Auswärtsspiel meiner Heilbronner. Ich gönne mir die schnellere IC-Fahrt über Crailsheim; die Jungs fahren mit RE den Umweg über Würzburg. Vorsichtshalber rufe ich Marcel noch kurz vorher an: Baden-Württemberg-Ticket gilt nur bis Würzburg; also Schönes-Wochenend-Ticket. Wusste er schon, aber beiläufig erfahre ich, dass Trainer Heinrich familiär unabkömmlich ist.
Besorgt überdenke ich im Zug, wann die Jungs in Nürnberg-Erlenstegen eintreffen werden, zumal in Nürnberg ein Rundball-Bundesligaspiel als Konkurrenz zu unserem Drittligaspiel angesetzt ist, was überfüllte Züge und Verspätung bedeutet. Dummes Volk! denke ich. Warum kriegen die nicht schon um 8 Uhr den Hintern hoch, fahren über Crailsheim, machen dort in der langen Umsteigepause die Tagestaktik und sind dann wenigstens zwei Stunden vor dem Spiel auf dem Platz? Dies umso mehr, als sie ja die Hypothek der zwei gegen Freiburg und RG Heidelberg dumm verlorenen Spiele abzubauen haben.
Meine Befürchtungen treffen ein, die Heilbronner eine Stunde vor Anpfiff – die Nürnberger laufen sich schon warm – immer noch nicht. Ich gehe beunruhigt zum Vereinsheim und warte. Endlich ein Auto mit HN-Zeichen: wenigstens vier Spieler sind da. Ich mache mich auf den Weg zum Bahnhof Erlenstegen, um die Jungs zum Platz zu eskortieren. Erst in der Nähe des Bahnhofs treffe ich auf die Heilbronner Delegation, die jetzt den Anmarsch zum Platz notgedrungen zum Aufwärmtraining umfunktionieren muss. Ich lotse die Jungs gleich zum Platz und zum ausgeguckten Schattenplatz auf der südlichen Seite. Umziehen auf dem Platz; die Mannschaft ist da, die Seelen sind noch nicht angekommen.
Mit fünf Minuten Verspätung pfeift der gute Anglo-Augsburger Referee die Partie an, und prompt bewahrheiten sich meine Befürchtungen wg. der noch nicht angekommenen Seelen: Nürnberg übernimmt das Kommando und legt nach wenigen Minuten den ersten Versuch über die Hintermannschaft, wo ich doch gewisse Vorteile für uns erhofft hatte, und auch in den nächsten Viertelstunde spielt Heilbronn mit angezogener Handbremse. Einer trabt gemessenen Schrittes die Laufwege eines Schiedsrichters, einer legt sich mit dem Unparteiischen an, die ganze Truppe ist eben noch nicht da. Erst ein Stürmerversuch wendet das Blatt, dann ein schnell ausgeführter Straftritt zum Versuch, beide erhöht vom Heilbronner Verbinder, und Heilbronn führt.
Erfreulicherweise haben wir sehr disziplinierte Auswechselspieler und Schlachtenbummler dabei, die als Wasserträger ganze Arbeit leisten: 12x1,5 Liter werden in der ersten Halbzeit verdampft. In der Halbzeitpause gebe ich zu bedenken, dass man sich doch, bitte schön, nicht zu sehr auf das massive Nürnberger Stürmerspiel einlassen soll, denn einige Stürmer hat es bös erwischt, und die Hintermannschaft ist bisher unter ihren Möglichkeiten geblieben; die Jungs sind der gleichen Meinung und außerdem platt.
Dann werfe ich ein sedierendes Pillchen ein und verziehe mich optimistisch auf die Zuschauerböschung hinter dem Nürnberger Malfeld. Und prompt legt Heilbronn los wie die Feuerwehr: Max scort auf Außen, der Innen punktet, und: Sensation! Flo, der seit gefühlten 20 Jahren 1. Reihe spielt, heute aber in die 3. Reihe muss, macht den ersten Versuch seines Rugbylebens. Nürnberg ist natürlich auch weiter aktiv und holt sich mit vier Versuchen wenigstens den Bonuspunkt, aber Philipp und Flo kicken heute sehr gut und schaffen mit Straftritt und Erhöhungen ein beruhigendes Punktepolster zum ersten Sieg einer Heilbronner Fünfzehn in der 3. Bundesliga.
Neben dem Platz treffe ich einen alten Bekannten, den quadratisch-praktischen Herrn, der am Rande des Spiels Nürnberg gegen Freiburg einem Freiburger einen Kopfstoß verpasste. Es stellt sich gesprächsweise heraus, dass er, wie ich, seinerzeit seine Rugby-Sozialisation beim ASV Köln durch Helmut Kutzelnigg bekommen hat; allerdings war Kopfstoß nie im Trainingsprogramm.
Dann Würstchen, ein Bierchen, und vor dem zweiten Bierchen eiliger Abmarsch zum Bahnhof, wo infolge überfüllter und verspäteter Züge die Jungs nicht dazu kommen, einen Kasten Sieges-Bier einzukaufen und daher gezwungen sind, den Erfolg in vollen Zügen und guter Stimmung mit Mineralwasser zu begießen. Doch trommelt die Buschtrommel von einem Anschluss-Meeting beim Scorer des spektakulärsten Versuches; ich gönne es ihnen und trolle mich zufrieden über den Weinsberger Sattel nach Hause.
Die nächsten Spiele werden den Heilbronnern deutlich dickere Bretter zu bohren geben: Stusta München und RC Stuttgart sind eine Hausnummer höher als Nürnberg. Hoffentlich hat die Mannschaft dann wieder den Rückhalt einer starken Auswechselspieler- und Schlachtenbummlerriege. Auf dem Stusta-Platz haben wir übrigens 2004 und 2005 schon mal gewonnen….