Rugby - Sonntagmorgen in der Heilbronner Sportsbar "Doppelpass". Von zehn Uhr an trifft sich normalerweise der Stammtisch zum Frühschoppen. Doch gestern waren etwa 50 Rugbyfreunde in die Kneipe gekommen − das Hauptkontingent stellten die Drittligaspieler der TSG Heilbronn. Per Internet-Livestream wurde das Weltmeisterschaftsfinale zwischen Neuseeland und Frankreich in Auckland auf einer großen Leinwand übertragen. Die "Kiwis" behielten in dem Endspiel mit 8:7 (5:0) die Oberhand und holten nach 24 Jahren wieder einmal den Titel.
"Der WM-Titel ist für uns wie der Titel im Fußball für die Deutschen. Das Land steht jetzt Kopf", sagt Phillip Chynoweth. Der Neuseeländer ist 2008 der Liebe wegen nach Heilbronn gezogen. "Meine Freunde dort sind jetzt alle am Feiern und vorläufig unansprechbar", sagt er. Dafür genießt Phillip Chynoweth nun mit seinen deutschen Freunden Joachim Schmidt, Horst Kübler, Ralf Plieninger, Tanja Kübler und Karin Schmidt das Siegesbier. Auch wenn Letztgenannte zugibt: "Ich bin eigentlich hier, weil ich den Tanz der Neuseeländer sehen wollte."
Martialische Gebärden
Mit dem traditionellen "Haka" stimmten sich die All Blacks, wie Neuseelands Rugbyteam genannt wird, auch auf das Endspiel vor den 60 000 Zuschauern in Auckland ein. Das martialische Gebahren soll den Gegner einschüchtern und sorgte schon vor dem Kickoff für Gänsehautatmosphäre. Die Franzosen zeigten sich zu Beginn tatsächlich beeindruckt. Schon nach 15 Minuten gelang Tony Woodcock der erste Versuch, mit dem Neuseeland gleich 5:0 in Führung ging.
Im Heilbronner "Doppelpass" bricht zum ersten Mal Jubel aus, obwohl die Frankreich-Anhänger in der Überzahl sind. Allen voran Claude Cohen. Die Heilbronnerin ist vor 30 Jahren aus Paris ins Unterland gekommen und von klein auf glühender Rugby-Fan. "Ich war schon als Teenager im Stadion. Rugby hat einfach alles. Es ist brutal, männlich und das Team ist wichtiger als der Einzelne." Im Rugby-Notstandsgebiet Deutschland hat sich Cohen als Ersatzsportart Eishockey ausgesucht. "Da gibt es Ähnlichkeiten, deswegen bin ich regelmäßig bei den Spielen der Heilbronner Falken", sagt sie und bedauert, dass die Partien der Rugby-WM kaum im deutschen Fernsehen gezeigt worden sind. "Das ist für ein Sportland wie Deutschland doch unmöglich." Dann wendet sie sich mit dem Schlachtruf "Allez les bleus" wieder dem Spielgeschehen zu. "Die Franzosen spielen zwar heute in weißen Trikots, aber das gilt immer", fügt sie noch hinzu.
Frühschoppen
Auch die etatmäßigen Frühschoppler an der Theke verfolgen das Spiel interessiert. "Das geht aber schon brutal zu", sagt Carlo Oscar Biemmi. Der gebürtige Italiener drückt dem Nachbarn Frankreich die Daumen. "Das sind schließlich auch Europäer", sagt Biemmi. Wilfried Manthe hat sich in der Zeitung über die Weltmeisterschaft im fernen Neuseeland informiert: "Ich bin einfach generell sportaffin", meint er.
Inzwischen ist die zweite Halbzeit in vollem Gange. Neuseeland hat durch Stephen Donalds Kick auf 8:0 erhöht (46. Minute). Doch Frankreich kommt durch einen Versuch von Francois Trinh-Duc und der anschließenden Conversion wieder auf 7:8 heran (49.). Die Schlussphase ist hochspannend. Den möglichen französischen Sieg vergibt schließlich Trinh-Duc mit einem verschossenen Strafkick (65.). Neuseeland hat nach 1987 zum zweiten Mal den Titel geholt und Premierminister John Key zählte zu den ersten Gratulanten.
"Ich gönne den Neuseeländern nach dem verheerenden Erdbeben im Februar dieses Erfolgserlebnis", sagt Dominik Hoffmann. Und alle im Doppelpass hoffen, dass sie die Weltmeisterschaft in vier Jahren in England auch live im deutschen Fernsehen erleben dürfen.